„Einsamkeit, wie bist du übervölkert!“ (Stanisław Jerzy Lec)

In seinem Buch „Into the wild“ schreibt Jon Krakauer über den Aussteiger Chris McCandless, der 114 Tage allein in einem alten Schulbus in der Wildnis eines Nationalparks in Alaska lebte. Für den vierundzwanzigjährigen Chris endete die Geschichte tödlich, der „Magic Bus“ blieb stehen und wurde zur Pilgerstätte. Mehrere Menschen verunfallten, einige starben bei ihrer Wanderung zum Bus,[1] was die Verwaltung des Nationalparks schließlich dazu bewegte, das „Denkmal“ im Juni 2020 ausfliegen zu lassen.[2]

Das Phänomen, bestimmte Orte, sogenannte Spots, aufzusuchen, sich vor einer eindrucksvollen Berg- oder Seekulisse zu inszenieren, Fotos davon zu posten und dafür Gefahren und sogar Unfälle in Kauf zu nehmen, zeigt sich auch in den Alpen. 

Dieses Verhalten bestimmt gerade die Headlines, sowohl im Netz als auch in den Printmedien, und sorgt immer öfter für mediales Kopfschütteln. Es seien vor allem „die Influencer“,[3] die auf der Jagd nach Spots bzw. Fotos sind und die aufgrund ihrer Präsenz im Netz schnell mal für den Overtourismus in den Alpen verantwortlich gemacht werden. Hinzu kommt der Vorwurf einer zunehmenden Naturentfremdung dieser Besuchergruppe und fahrlässigem, respektlosem Verhalten auf ihrem Weg zum Spot bzw. zum perfekten Foto.

Wie aber geht man als verantwortungsvolle Institution mit dem Trend zum (Natur-)Foto „um jeden Preis“ um? Wie kann man verhindern, dass Naturschutzgebiete zerstört werden für einen schnellen Klick auf den Auslöser der Handykamera? Im Unterschied zum „Magic Bus“ lassen sich Seen, Wasserfälle und andere Naturschauplätze nämlich nicht so einfach ausfliegen!

Überregional[4] fing das Thema anlässlich eines Instagram-Postings der Influencerin Yvonne Pfeffer mit 1,3 Mio. Followern am „Infinitypool“ am Königssee im Nationalpark Berchtesgaden Feuer. Gepostet wurde eine Drohnenaufnahme der Influencerin in einem der beliebten Gumpen am Königsbach-Wasserfall, in dem sie über dem tief unten liegenden See zu schweben scheint. Die Nationalparkverwaltung nahm dies zum Anlass, einen eigenen Instagram-Account zu eröffnen, und bat die Influencerin, ihren Beitrag zu löschen oder ihre Fans über sensible Themen rund um den Gumpen aufzuklären: die Zerstörung der Vegetation, die Gefahr beim Auf- und Abstieg und beim Schwimmen im Gumpen, Geo-Tagging, das Drohnenflugverbot im Nationalpark und das Anspornen weiterer Nachahmer.[5]

Abb. 1 Der Nationalpark Berchtesgaden hat auf den Post einer Influencerin mit direkter Konfrontation und einer umfangreichen Social-Media-Kampagne reagiert.  

In solchen Diskussionen werden schnell viele Themen miteinander vermischt, die einige Fragen aufwerfen. Haben Influencer wirklich so viel „Macht“, dass man sie für den Overtourismus der Alpen verantwortlich machen kann? Kommt diese Gruppe tatsächlich nur des Fotos wegen? Sind von dem Phänomen „die Alpen“ generell oder nur einzelne lokale Hotspots betroffen? Ist es von Tourismusregionen nicht auch erwünscht, dass immer mehr Leute die Regionen besuchen? Steigt dadurch die Zahl der Bergunfälle und werden Bergretter in Gefahr gebracht? Können oder sollen die Berge (für gewisse Personen) gesperrt werden? Sind diese „neuen Naturbesucher“ naturentfremdet? War die Entwicklung absehbar? Und warum sind es eigentlich so viele?

Grundlage des Beitrages sind Interviews mit 10 lokalen Experten oder Betroffenen: Bergführer, Bergwacht, Bürgermeister, Bergsteigerschulen und eine Bloggerin. Am Bild: Riki Daurer beim Interview mit Lea Hajner, Escape Town.

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