Soziale Medien sind da.

Soziale Medien haben eine neue Form von Kommunikation geschaffen.

Soziale Medien wirken.

Social Media verändert unsere Kommunikation I alpinonline; Illu by Roman Hösel

Am Beispiel der Social Media Posts beim Bergsteigen kann man allgemeine Veränderungen und Dynamiken dieser Entwicklung gut beobachten und exemplarisch belegen. In mittlerweile mehreren Beiträgen durfte ich micht dem Thema annehmen und es einem breiten Publikum präsentieren.

Die wichtigsten Outputs

Beim posten der Bergerlebnisse geht es nicht um diese, sondern immer um „M-ich“

Jeder kann posten – dazu muss man kein Journalist sein. „Jeder“ beinhaltet aber auch eine Bandbreite an Gründen, warum gepostet wird und diese müssen. Allen gemeinsam ist aber die Suche nach „sozialer Resonanz“, der Bestätigung des „Ich“. Um den Berg geht es nicht, auch nicht um das Bergsteigen – denn dieses erlebe ich ja nur im Tun selbst.

Facebook wird zur Bühne, der Berg zur Hintergrundkulisse, das Bergsteigen liefern die passenden Requisiten und der Sport liefert das beste Make-up.

  • Selbstinszenierung & Performance
    „Der Berg als Hintergrundkulisse“
  • Teil der Gemeinschaft werden
    „Der Berg als Lebenswelt“
  • Information
    „Der Berg als Content“
  • Was gepostet wird, existiert
    „Der Berg als Realitätszeuge“
  • Körperkult
    „Der Berg als Fitnesszentrum“
  • Geld & Professionalität
    „Der Berg als Markt“

Erschwerend hinzu kommt, dass, damit ich meine Bestätigung auch bekomme, mich gegen die vielen anderen Posts durchsetzen muss. Also muss das Post auffälliger sein, extremer, anders – und diese Dynamik lebt.

Die manipulierte, verharmloste, unvollständige Darstellung des Bergsteigens

Wie wird der Berg dargestellt?

  • 24/7 – Bergsteigen kann man rund um die Uhr
  • Freizeitpark Berg – der Berg ist harmlos, Risiken und Gefahren werden nicht kommuniziert.
  • Emotionen & Selbstinszenierung – am Berg scheint immer die Sonne und das ist Teil meiner Inszenierung.

Was ist das Problem an den Posts?

  • selektierte Nachricht
  • ohne Anspruch auf Richtigkeit
  • kann aus dem Zusammenhang gerissen sein
  • verkürzter, unvollständiger Informationsgehalt im Text
  • der Großteil der Botschaft geht über die Bilder, die „eine neu, bisher kulturell nicht ausgearbeitete Semantik“ beinhaltet, für die wir noch nicht bereit sind.
  • Entkoppelung von Raum, Zeit, Sozialem und Personen
  • neue Bewertungskultur, die Qualität und Validität ablösen
  • ein fehlendes Korrektiv

Es gibt eine Masse an ahnungslose Bergsteigern, die sich untereinander selbst betreuen

Es gibt 250 Mio. Personen, die auf Facebook das Interessensmerkmal „Berg“ angegeben haben, 95 Mio. mit „Wandern“. Unter dem #wandern findet man 600.000 Posts (abgerufen am 2.5.2017).

Subjektiv beobachtet, nimmt auch die Zahl der Personen zu, die mit dem Bergsport beginnen. Aber wie „erlernen“ sie das Bergsteigen?

„Wir“ haben Bergsteigen betreut gelernt – mit den Eltern, in einer Sektion, mit Älteren, mit Freunden. „Wir“ haben notwendige Informationen von „erfahrenen“ Personen erhalten. Und der Berg stand im Mittelpunkt. Das hat sich geändert – nun steh zuerst „Ich“ im Mittelpunkt , ich und mein Abenteuer für meine Inszenierung.

In der Dynamik der sozialen Welt wird, genau so wie „wir“ früher persönlich nachgefragt haben, digital um Hilfe und Auskunft gebeten. Der Unterschied – wir wussten damals von wem wir die Antwort erhalten und wie diese einzuordnen ist. Und wenn etwas unklar war, konnten wir in einer 1:1 Kommunikation nachfragen.

Ebenso wurden im direkten Kontakt danach Erlebnisse ausgetauscht – wir haben so nicht nur unsere Anerkennung erhalten, sondern auch auch ehrliches und kritisches Feedback – weil die Angst des Kritikers dann keine Likes mehr zu erhalten nicht existent war. (Anm.: digitale, indirekte Kritik auf Plattformen zu üben ist unter dem Deckmantel der „Anonymität“ um vieles leichter als direkt und persönlich).

Liest man in einschlägigen Facebook-Gruppen zum Thema Bergsteigen mit, dann unterhalten sich hier viele „Ahnungslose“, die über Bergthemen und Risikofragen diskutieren und sich selbst mit teils falschem und unvollständigen Wissen ihre Fragen selbst beantworten.

Ahnungslos meint hier das Fehlen am grundlegenden Verständnis und der Bereitschaft sich mit dem Thema ehrlich auseinander zusetzen und sich in ein entsprechendes Mindset zuzulegen.

Neue Tourenplanung über Soziale Medien

Es gibt eine neue Form der Tourenplanung – nicht mehr die analoge, bei der man mit Print-Karte und Stift parallel zum Tourenführer die Route „abgeht“ oder die digitale, bei der man mittels GPS-Tracks und digitalem Kartenmaterial viel schneller alle erforderlichen Daten bekommt, sondern eine in der Sozialen Welt. User die ihre digitalen, unbekannten Mitleser um Auskunft fragen: „Kann ich diesen Klettersteige gehen?“, „Wie ist die aktuelle Lawinenwarnstufe?“.

Und umgekehrt werden gepostete Gipfelziele allzu gern nicht nur als Inspiration sondern als neues konkretes Tourenziel angenommen. Aber „die falsche Tourenwahl“, widrige Verhältnisse und co. werden nicht gespostet.

„Spannend soll es sein, spektakulär, vielleicht gefährlich. Googeln wir das mal. Moment. „Spannend, spektakulär, gefährlich“. 73.000 Ergebnisse. Biancograt. Hm, schaut gut aus. Das machen wir.“

Gabriel Egger in https://bergaufundbergab.blogspot.co.at/2016/10/BergMoralSelbstdarstellung.html?m=1, abgerufen am 15.9.2017

Digitaler Kommunikation fehlt die „Kontrollinstanz“ Mensch

Warum ist es schwieriger Kritik in direkter Kommunikation, face-to-face anzubringen? Weil man die zeitnah Reaktion des Gegenübers „zu spüren“ bekommt – verbal und non-verbal.

Diese Form der Reaktion ist auch eine Form „Kontrollinstanz“ in der Kommunikation. Im Falle der Tourenplanung sehe ich Zweifel im Gesicht des Gegenübers, ob man das überhaupt schafft, oder man wird auf Dinge hingewiesen, die man fast vergessen hätte. Im Falle der Berichterstattung wird kritisch nachgefragt, oder ein erstauntes Gesicht zügelt uns in den übertriebenen oder falschen Ausschmückungen des Erlebnisses.

In der digitalen Kommunikation fehlt dies. Man kann erzählen was man will, niemand sieht einem dabei zu und niemand kann auf die non-verbalen Botschaften reagieren.

„Wir“ sprechen nicht dieselbe Sprache

Wir, im Sinne der digitalen Gruppe an Bergsteigern (würden wir uns auch im wirklichen Leben einer Gruppe zugehörig fühlen?) sind nicht homogen. Vorwissen, Erfahrung und das Mindset unterscheiden sich, trotzdem gehören wir in der digitalen Welt einer gemeinsamen Lebenswelt „Berg“ an. Oder glauben es zumindest.

Aber die vermeintliche gemeinsame Gruppe spricht nicht dieselbe Sprache. So kann das Glockner-Sonnen-Gipfelposting dem einen ein Lächeln ins Gesicht rufen, weil er sich denkt, „Freut mich, dass hier jemand einmal gutes Wetter erwischt hat!“, während dem anderen das Bild des ewigen sonnigen, einfach zu besteigenden und ungefährlichen Glockners vermittelt wird.

Die nicht-vermittelten Informationen

Es sind nicht die Informationen, die das Problem darstellen, sondern die Nicht-Informationen. Der Erfahrene weiß, dass vor einer Tour eine akkurate Tourenplanung gemacht werden muss, dass man auf einer Hochtour ein Gletscherseil braucht, wo man die aktuelle Lawinenwarnstufe abrufen kann und dass am Glockner zuweilen Massen von Leuten steigen, die zur Gefahr per se werden. Über Postings werden diese Informationen nicht vermittelt und der Unerfahrene weiß auch nicht, dass sie fehlen.

lack of information

  • Tourenplanung & Vorbereitung
  • Vorkenntnisse & Erfahrung
  • Entscheidungsprozesse & Dynamiken
  • Schlechtes Wetter, keine Sicht
  • Unfälle, missglückte Gipfelversuche
  • Risiken, Gefahren,…
  • Fähigkeit zur Selbsteinschätzung
  • Mindset bzw Awareness

Die neue Verantwortung der Leser & des Publikums

Muss man nun wirklich bei allen Bergposts dazu schreiben, dass Bergsport Risiken birgt? Nein, denn das Publikum und der Leser haben eine neue Verantwortung – sie wissen, dass es sich bei Sozialen Medien nicht um kuratierte und verifizierte journalistische Beiträge handelt, sondern dass jeder alles und immer posten kann. Also liegt es auch in ihrer Verantwortung mit zur Verfügung gestellten Informationen kritisch umzugehen – das meint selektieren, zu überlegen, ob sie zeitlich und inhaltlich wahr sein können, fehlende Informationen einholen und sich mit den Schwächen des Mediums auseinanderzusetzen.

Zweiter Punkt ist, dass jeder Like, jedes Lesen, jedes Kommentar, jeder Klick Auswirkung auf die Reichweite und die Präsenz des Posts hat. Ist und war der Leser und das Publikum eines analogen Mediums sowie der digitalen Zeitschriften die „Endstation“ der Nachricht, so trägt er jetzt als Produser zur Nachrichtenverbreitung und einer neuen Form der Nachrichtenerstellung bei. Diese neue Rolle eines Lesers in einem Medium muss gerade im Bergsport transparent und bewusst gemacht werden.

Eine neue Bewertungskultur

die Qualität einer Tour wird durch Quantität gemessen.

In unserem Denken setzen wir Quantitäten gern mit Vergleichbarkeit und Validität gleich. Je mehr, desto besser. Wenn viele das geliked haben, dann wird es schon gut sein.

Auch gemessene Merkmale einer Skitour kommen hier hinzu – Höhenmeter des Gipfels, Aufstiegshöhenmeter, Geschwindigkeit, Powderhöhe, …. Aber wo ist die Qualität geblieben? Und was passiert mit uns aufgrund der Bewertung und Quantifizierung des Erlebnisses?

Wer soll es ändern?

Nun bleibt nur noch die letzte große Frage – wer soll es ändern? Wer soll diese Foren betreuen? Wie bringt man dem Bergsteigen die Ernsthaftigkeit zurück? Sind es nur Vereine & Medien oder auch Einzelpersonen, die hier medienethisch reagieren müssen?

Oder sieht man das ganze Gelassen und reagiert wie viele Bergsteigerinnen und Alpinisten. Man lässt jeden tun was er möchte, macht einen großen Bogen um die wenigen Spots, wo sich die Masse feiert und vertraut auf darauf, dass sich alles legen wird, wenn Hallengolf „in“ wird. Nach dem Motto: „Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter.“

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