Wie werden Soziale Medien von Bergsportlern verwendet?

Gibt es einen Unterschied zwischen Spitzen- und Breitensport?

Liegt das Problem bei dem, der postet?

Oder beim Leser?

Und wie soll ein Verein damit umgehen?

Bei der diesjährigen Jahresversammlung des AVS-Referates Bergsport & HG durfte ich ein Input-Referat zum Thema halten.
Die anschließende Podiumsdiskus- sion fand gemeinsam mit Simon Messner, Daniel Ladurner und Daniel Rogger statt, moderiert hat Thomas Hainz. Der Fokus der Diskussion unterschied sich grundlegend von der Präsentation zum Thema, nämlich der Frage, wo denn überhaupt das Problem sei?

Hier Auszüge aus dem Text:

Der gesamte Beitrag als Download:
AVS Bergerlebnis I alpinonline

Aber wo liegt jetzt eigentlich das Problem?

Dass vielen User die Posts mehrfach teilen und verbreiten, wurde in dieser Runde eher als Vorteil gesehen.
Man kennt den Mechanismus und die Folgen und kann damit umgehen. So meint Daniel Rogger, dass er natürlich nicht sagt, welche Tour man gegangen sei, wenn man nicht will, dass alle nachgehen.
„Naja, also, eine Skitour geht vielleicht noch irgendwer nach, der das nicht kann, aber eine alpine schwere Tour nicht“, so Simon Messner.
Das „Nachmach-Internet“ finde wohl mehr in den Breitensportarten wie Wandern, Skitourengehen oder bei Klettersteigen statt – das beweisen auch die einschlägigen Gruppen, z. B. auf Facebook.
Die „Nachmacher“ hatte trotz- dem auch mal Simon mobilisiert, nämlich mit der Route der Lüsener- Fernerkogel-Nordwand, die er am 27. November 2016 mit Philipp Brugger erstbestiegen ist. Die Tour wurde nicht nur mehrmals wiederholt, sondern war sogar Inhalt der digitalen Lebenswelt-Alpinisten, wenn nicht sogar ein „inoffizielles“ Aufnahmekriterium in diese digitale Lebenswelt. Meint, man machte die Tour nicht nur, sondern man „musste“ sie auch posten.
Aber auch dies wurde nicht als Problem gesehen, denn dann muss man halt eine Tour gehen, die nicht bekannt ist, wenn man Massen entkommen will – so die Runde.
Die Inhomogenität der Bergsteiger erlebte hingegen Daniel Rogger mit sei- nem Fake-Post vom „Eisklettern“ – ein aufgestelltes Foto, auf dem er flach am vereisten Pragser Wildsee liegt und das somit zu einer vermeintlichen Erstbegehung wurde; siehe hierzu Bergeerleben-Ausgabe 03/18. „Es hat mich überrascht, wie vielen es eigent- lich nicht aufgefallen ist“, so Daniel in der Diskussion. Das zeugt von dem Phänomen, dass prinzipiell mal jeder Post für valide genommen wird und der nicht gezeigte Teil der Realität nicht hinterfragt wird – ebensowenig wie Quellen und Umgebungsfaktoren.

Wie soll man damit umgehen?

Es stellt sich die Frage, ob man als privater Bergsteiger oder auch als Verein oder Institution eine Verantwortung hat, mit dieser neuartigen Kommunikation umzugehen. Ob man auf die liebliche Darstel- lung der Berge, der schwachen Wahr- nehmung der Risiken und Gefahren dieser neuen Form der Tourenpla- nung oder gar auf Auswirkungen aufs reale Bergsteigen reagieren muss.

„Dass man postet, das versteh’ ich, und dass viele posten, auch. Aber wer liest denn das alles?“, hieß es in der Diskussion.
Warum liest man unkritisch und ungefiltert Nachrichten, die einem von Facebook vorsortiert und ausgewählt werden, die nach quantitativen Kriterien als qualitativ gut bewertet werden?
Wir müssen die Konsequenzen unserer Entscheidungen und unseres Handelns einfach wieder spüren – so ist man sich einig. Das meint nicht, dass jemand unter eine Lawine kommen muss, um Lawinengefahr zu verstehen, aber dass es einfach auch mal wieder sein darf, dass man in einen Nebel, Schneesturm oder schlechtes Wetter kommt. Und daher muss man auch die digitalen Bergerlebnisse nicht aussortieren – auch den „Nachahmern“ darf man dieses Erlebnis zugestehen.

Das analoge Erlernen des Berg- steigens vs. das digitale Schönwetter- & Fitness-Bergsteigen
Bergsteigen erlernt man nicht digital. Man muss hinfallen, aufstehen, Fehler machen. „Erlernt“ man das Bergstei- gen über digitale Informationen, über die vielen Schönwetter-Berg-Postings und Alles-easy-Gipfel wird man sich in der Realität wieder schnell einfinden. Es gibt schlechtes Wetter, Ausfall von digitalen Endgeräten, Verirrungen und schlechte Tage. Die Berge sind kein Fitnessstudio, in dem ich die Garantie für effizientes Ausdauertraining habe. Zum Bergsteigen ge- hört Planung, Zeitmanagement und neben Ausdauer und Kondition auch technisches Können.

„Die Zeit, die einem zum Erlernen des Bergsteigens fehlt, verbringen die Leute mit der Nutzung der sozialen Medien“, meinte ein Diskussionsteilnehmer. Und vielleicht sollte man diese Zeit einfach wieder mehr für das analoge Bergsteigen nutzen.

Fazit

Was mich in der Diskussion fasziniert hat, dass es zu diesem Thema keine (Be-)Wertung gab – also kein Kopfschütteln über die „ahnungslosen Bergsteiger“. Es herrscht Akzeptanz und Verständnis für alle analogen und digitalen Bergsteigergruppen und das ist die Basis für ein gutes Miteinander.

Doch, um bei den „Ahnungslosen“ zu bleiben – wissen diese eigentlich, was sie nicht wissen?

Kennen diese den Unterschied zwischen einer gespurten Skitour und den Anstrengungen und Entscheidungen, wenn man die Spur im freien Gelände selbst anlegen muss? Kennen sie den Unterschied zwischen geführtem und selbstständigem Bergsteigen?

Als Skitourengeher summiert man all jene, die mit Skiern den Berg hinaufgehen – egal ob auf der Piste, einer Spur einer Modeskitour folgen oder im unverspurten, freien Gelände ihren Weg suchen. Allein das Klettern hat die Differenzierung in einzelne Disziplinen vorgenommen in Bouldern, Sportklettern, Alpinklettern.

Braucht es das auch für weitere Sportarten? Braucht es (wieder) eine ethische Diskussion über Einteilungen des Bergsteigens? Über Unterschiede zwischen geführten und selbstständigen Bergsteigen?
Nicht, um zwischen gut und schlecht zu differenzieren, sondern damit sich Zielgruppen besser ein- ordnen können und damit man diese besser ansprechen und mit Informationen erreichen kann und somit auch zur Unfallvermeidung und -prävention beiträgt.

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